„Ein neues Selbstbewusstsein“? Die AfD vor den Kommunalwahlen im Raum Kassel

Anlässlich der anstehenden Kommunalwahlen in Hessen veröffentlichen wir einen Überblick über die derzeitigen Aktivitäten und Kandidat:innen der AfD im Raum Kassel. Es zeigt sich: Die AfD ist zum einen geprägt von Streit und Stagnation, von Überalterung und kontinuierlichen Gegenwind. Zum anderen findet sie an manchen Orten zurück zu einem neuem Selbstbewusstsein. Auf dem Land gelingt es der AfD immer mehr Menschen anzusprechen. Eine junge Generation an Rechten beginnt sich für die Partei zu begeistern, und altbekannte Faschisten werden in ihren Reihen neu aktiv. Und: wie bei den letzten Kommunalwahlen kandidieren Neonazis aus Nordhessen auf ihrer Wahlliste.

Die AfD Kassel-Stadt 

Während sich die AfD im Landkreis Kassel wieder finden konnte, ist von einem neuen Selbstbewusstsein bei dem Kreisverband Kassel-Stadt noch wenig zu spüren. Statt öffentlichen Parteiaktiväten sind die Nachrichten bestimmt von Streit und einem Einbruch in die Fraktionsräumlichkeiten – die AfD in Kassel hatte keinen guten Start in den Wahlkampf.

So erschien bereits im September 2025 auf der Website der AfD Kassel eine „Erklärung des Kreisvorstands“. Darin heißt es: die AfD müsse angesicht des steigenden Umfragewerte „ein neues Selbstbewusstsein“ entwickeln: man dürfe sich nicht länger von Väterlandsverrätern den Kurs bestimmen lassen und müsse nun endlich die Unvereinbarkeitsliste abschaffen. Man sei stolz auf seine Partnerorganisationen das Thule Seminar und die Identitäre Bewegung.

Was sich zuerst als überraschende, aber doch verblüffend ehrliche Reaktion auf den gesellschaftlichen Rechtsruck und die Positionen der AfD liest, wirft im Nachgang das Bild auf einen zerstrittenen Parteiverband, der nicht an den Höhenflug der Mutterpartei anknüpfen kann. Denn weder gibt es hier relevante faschistische Partnerorganisationen noch steht eine „Zäsur für das politische wie mediale Kasseler Establishment“ an. Und die „einstimmige Erklärung des Kreisverbands“?: Ist in Wirklichkeit wohl von einem abgesägten Funktionär geschrieben, der noch die Zugangsdäten zur Website hatte. 

Der AfD Vorstand Kassel-Stadt nach der Wahl im Januar 2026 mit Unterstützung von Pierre Lamely (ganz links):
Andreas Schade, Michael Moses-Meil, Andreas Mende, Norbert Hansmann, Thomas Schenk, Gerhard Schenk, Karlheinz Engel (vlnr.)

Auch auf der Liste der Kandidat:innen finden sich wenig neue und noch weniger junge Gesichter: die aussichtsreichen Plätze werden von altbekannten Mitgliedern des Vorstands besetzt und nur zwei Kandidaten unter fünfzig Jahren konnte die Partei für sich gewinnen. Einer davon ist Thomas Andreas Sosna, der zusätzlich für den Ortsbeirat in der Nordstadt kandidiert. Sosna ist Student und Organist u.a. in der Evangelischen Erlöserkirche Harleshausen und in der Alt-Katholische Pfarrgemeinde Kassel.

Auffällig auf der Wahlliste ist, dass der langjährige Funktionär und Burschenschafter Michael Werl nicht mehr antritt und zudem von allen Ämtern innerhalb der AfD entfernt wurde. Gut möglich, dass die „Erklärung des Kreisverband Kassel-Stand“ und die Solidaritätsnote an die faschistischen Partnerorganisation dabei ein letzter Versuch war, seiner Altpartei eins auszuwischen.

Die AfD Geschäftsstelle in der Falderbaumstraße 28, Hartmut Kreckel und Norbert Hansmann bei der Weihnachtsfeier der „Jungen Alternative“ 2023

Auch die Wahlkampfaktivtäten des Kreisverbands beschränken sich bisher auf sporadische Infostände. Öffentlich angekündigten Aktivitäten werden seit dem antifaschistischen Gegenwind der letzten Jahre nicht mehr durchgeführt. Gleichwohl besitzt die AfD Kassel mit ihren Räumlichkeiten im Industriegebiet Waldau weiter einen Rückzugsort, der für monatliche Stammtische, Schulungen und Treffen genutzt wird. 

Der Kern der Aktivitäten in Kassel wird von der Familie Schenk, Harmut Kreckel, Norbert Hansmann und Sven Dreyer am Leben erhalten. Dabei ist über die Jahre hinweg eine ideologische Festigung im faschistischen Weltbild zu beobachten. So tourte Thomas Schenk innerhalb der AfD mit einem Vortrag zum „Großen Austausch“ und besuchte mehrere Veranstaltung bei Götz Kubitschek in Schnellroda.


Die AfD Kassel-Land

Im Landkreis Kassel tritt die AfD seit Ende 2024 wieder verstärkt öffentlich in Erscheinung. So konnte sie im Bürgerhaus Vellmar-West monatliche Saalveranstaltungen mit teilweise über hundert Teilnehmer:innen durchführen. Nach der weitgehenden Inaktivität zwischen 2021 und 2024 ist es der AfD hier gelungen einen aktiven Kreisvorstand unter Alexander Stock zu etablieren, der als Stellvertreter neben dem Landtagsabgeordneten Volker Richter auftritt. Alexander Stock wohnt in Lohfelden und arbeitet, seit seine Zeitarbeitsfirma 2020 Pleite gegangen ist, als „Integrationsbeauftrager“ beim Jobcenter der Stadt Kassel.

Der AfD Vorstand Kassel-Land nach der Wahl im Mai 2025: Jürgen Hickethier, Christian Riethmüller, Stephanie Grün, Alexander Stock, Mikyla Celine Regenberg, Franz Wolf, Volker Richter, (vlnr. abwesend ist Sirka Grunert)

Neben dem Spitzenkandidaten Alexander Stock finden sich noch weitere Unternehmer auf den Kandidatenlisten: Florian Kohlweg leitet die Wirtschaftskanzlei Wika AG in der Weserspitze und schwänzte dafür die letzten zwei Jahre alle Sitzungen für sein Mandat im Stadtparlament. Geschäftsführer sind auch Marc Redler (Deutsche Umzugsspedition und Dr. Rent), „Jesusbotschafter“ Diethart Kumpf (dimari GmbH) und Stefan Cloodt (Edelmann Bike). Diethart Kumpf, Sponsor der „Danke Jesus“ Autos in Kassel, hatte sich von seiner Glaubenswandlung aus nach rechts wickelt, Stefan Cloodt war zuvor bei „Querdenken“ in Kassel aktiv. 

vlnr. Mika Fetters, Max Gladebeck, Cindy Krause-Graczyk, Christian Rietmüller, Volker Scheld, unbekannt, unbekannt, Jürgen Hickethier, verdeckt, Alexander Stock, verdeckt, Hermann Schaab, Franz Wolf, unbekannt, unbekannt, Christina Kierysch, Volker Richter, unbekannt, Marc Redler, Florian Kohlweg, Stefan Cloodt

Ein aussichtsreicher Kandidat für einen Sitz im Kreistag ist das Vorstandsmitglied Christian Riethmüller. Riethmüller besucht regelmäßig rechte Veranstaltungen im Osten und fiel zuletzt durch seine Teilnahme an einem von Thorsten Heise organisierten Trauermarsch in Leinefelde auf. 

Christian Riethmüller von der AfD mit dem Neonazi Thorsten Heise in Leinefelde (nico kuhn)

Er ist nur einer von mehreren Kandidaten mit Bezügen zum Neonazismus: Auch Stefan Kuhn und Jens Wundrack sind zu nennen. Wundrack verkehrt im Umfeld der Hardcore Crew Kassel von Michel Friedrich und der Kasseler Naziszene. Kuhn war in der Vergangenheit leidenschaftlicher Rechtsrock-Fan. Aus dem Jahr 2017 ist ein Foto von ihm bekannt, wo er einen Pullover mit dem Namen „Ian-Stuart Donaldson“ – Mitglied der Band Skrewdriver und Gründer von Blood Honour – trägt. Er traf sich in den 2010er Jahren regelmäßig im Schützenhaus des Hofgeismarer Schützenvereins 1863 e.V. u.a. mit den Neonazis Marcus Hellermann, Sascha Wrabletz und Philip Tschentscher (bekannt als Reichstrunkenbold). Zur gleichen Zeit war er noch als Sozialarbeiter bei der Stadt Kaufungen angestellt, heute arbeitet er als Erzieher.

Im Werra-Meißner Kreis tritt darüber hinaus noch mit Maik Böhning auf Listenplatz fünf ein ehemaliger NPD’ler und militanter Nazi an. Böhning hatte schon mehrere Verfahren wegen Volksverhetzung und der Verwendung von verfassungswidrigen Symbolen, etwa weil er sich beim Aufhängen einer Hakenkreuzflagge erwischen ließ. Aktuell wohnt er in Altenburschla mit seiner Partnerin Christina Kessler, die ebenfalls für die AfD kandidiert. 

Nachdem es scheinbar ruhiger um die Nazis geworden war und sie sich ein bürgerliches Leben aufgebaut haben, stellen sie sich nun wieder für die AfD auf. Ein Muster, dass bei der AfD und Neonazis in Nordhessen schon häufiger vorgekommen ist, zuletzt bei der Wahlkampfhilfe des Rechtsterroristen Stephan Ernst und bei der Aufstellung des Neonazis Christian Wenzel bei den Kommunalwahlen 2021.

„Generation Deutschland“ in Nordhessen

Der kurzlebige Ableger der „Deutschen Jugend Voran“ mit dem mittlerweile verstorbenen Julian Scholz

Mindest ebenso relevant wie die Kandidaten mit neonazistischer Vergangenheit sind aber junge Nazis, die sich für die AfD im Landkreis begeistern. So nahmen mehrere Mitglieder der Nazigruppe „Deutsche Jugend Voran“ an einem Stammtisch der AfD am 21. November 2024 mit Jan Nolte teil. Die „Deutsche Jugend Voran Hessen“ war wie „Jung&Stark Hessen“ ein kurzlebiger Ableger des bundesdeutschen Phänomens der aktionsorientierten Nazijugendgruppen 2024/2025.

Mika Fetters und Max Gladebeck, teilweise freundschaftlich bekannt mit den Jugendlichen von DJV, nehmen nicht nur an AfD Veranstaltungen teil, sondern stehen nun auch auf den Wahllisten der AfD. Die beiden Auszubildenden aus Trendelburg treten für die AfD im Landkreis Kassel an und nahmen jüngst am Gründungskongress der „Generation Deutschland“ in Gießen teil.

Ebenfalls vor Ort in Gießen war Evelina Mavrina. Evelina Mavrina fiel zum ersten Mal am 02. Dezember 2023 an der bis dahin letzten Weihnachtsfeier der Jungen Alternative in Kassel auf. Sie ist seit 2024 verstärkt in der Jungen Alternative aktiv. Ebenso ist sie Mitglied der neurechten Frauenguppe Lukreta. Auch ist sie regelmäßig bei den Veranstaltungen der AfD Kassel Land anzutreffen. 

Am 29. Juli 2024 nahm sie an einem gefloppten Vortrag von Matrin Sellner bei Marburg teil und posierte anschließend mit diesem und Christopher Tamm von der Generation Brandenburg. Am 19.10.2025 nahm sie gemeinsam mit ihrem Freund, dem stellvertreten Vorsitzenden der Generation Deutschland, Jan Richard Behr an einer Wanderung der AfD sowie dem faschistischen Vorfeld in Königswinter teil. Mavrina hat 2024 eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte an der Berufsschule Hann Münden begonnen.

Nicht nur der AfD Kassel-Land ist es gelungen für die Kommunalwahlen ein in Teilen jüngeres Publikum anzusprechen. So treten in Nordhessen etwa Bryan Lange (Sontra), Paul Herrnberger (Frankenberg), Nico Fuhrmann (Gudensberg) und die beiden Soldaten Justin Bell (Frankenberg) und Kai-Uwe Robel (Gudensberg) als jüngere Gesichter für die AfD an. Auch Immanuel Brand ist aus Mexiko zurückgekehrt, arbeitet für Jan Nolte und die AfD im Bundestag und kandidiert auf Listenplatz 2 in Waldeck-Frankenberg.

Am 28. März soll nach der Gründung der „Generation Deutschland“ als Nachfolgeorganisation für die „Junge Alternative“ nun auch der hessische Jugendverband der AfD neugegründet werden. Ob sich die Parteijugend nun auch auf regionale Ebene wieder aufbauen kann, bleibt abzuwarten. Aus der letzten Generation der JA Kassel ist zumindest mittlerweile niemand mehr übrig geblieben und mehrere Mitglieder haben sich vom Aktivismus abgewandt. Das bestätigt die Einschätzung: Solange es der AfD nicht gelingt sich in der Jugend und auf kommunaler Ebene organisatorisch zu verankern, bleibt das neue Selbstbewusstsein angreifbar.